Das unsichere Mädchen
Manchmal wünschte ich, ich wäre diskussionsaffiner erzogen worden. Ich würde behaupten, von einem Mädchen das sich nichtmal traut die Grüße der Mutter an die Mutter einer Freundin auszurichten, zu einer Studentin die freiwillig allein drei Monate auf einem fremden Kontinent lebt, habe ich eine ganz schöne Entwicklung durchgemacht, und doch: Es ist so furchtbar schwer für mich, in Gesprächen die mehr als zwei Leute und dann auch noch ein schwieriges Thema involvieren, den Mund aufzumachen. Es ist zum verrückt werden!
Irgendwann sitze ich mitten in diesem Gespräch – oder besser am Rande dieses Gesprächs – über irgendein wichtiges politisches Thema, die Bildung in unserem Land zum Beispiel, und kriege einfach keine verdammten drei zusammenhängenden Sätze über die Lippen. Ich bin 24, ich studiere Politik – und traue mir trotzdem nicht zu zu irgendeinem anderen Thema als meine beiden Spezialgebiete EU und Feminismus eine fundierte Meinung oder wenigstens irgendein nettes Bonmot mit in die Runde zu werfen. Erst recht nicht, wenn ich die Gesprächspartner als mir in Alter oder Bildung überlegen einschätze. Die Frage ist nicht alleine die der Überwindung: Mir fällt einfach nichts ein in solchen Momenten! Hinterher in meinem Kopf habe ich hunderte schöner Ideen was ich hätte beisteuern können – aber währenddessen: Blockade. Mein Gehirn macht einfach nicht was ich will. Und dann wirke ich wie das blonde Dummchen das nickt und keinen Plan von nichts hat. Aber das bin ich doch nicht!
Auf der anderen Seite: Das (relativ) einzige Mal, dass ich in einer Situation, die mehr als zwei Personen umfasste, in der aktiv gesprächsführenden Rolle war und meine damalige Freundin in der stumm nickenden, hat sie den tollen Typ gekriegt und nicht ich. Da ging es allerdings auch nicht um Politik. Und außerdem: Der Typ war im Nachhinein doch etwas gestört und: Unsicherheit ist dermaßen unfeministisch und unsexy! Gibt es nicht irgendwo Kurse, in denen man lernen kann, sich spontan eine eigene Meinung zu bilden und die dann auch fundiert zu vertreten? Wo haben denn die ganzen Quatschköpfe und Gesprächsführer das gelernt? Die können doch unmöglich alle schlauer sein als ich. Ich will auch!
Hazamel
20. Juni 2009 um 17:04 Uhr
Nennt sich Rhetorik-Seminar ;) bzw. Vorbereitung für Assesment-Center.
Ich denke, man darf sich bei sowas einfach nicht einschüchtern lassen, vor allem wenn man doch am Rande ein bisschen Ahnung hat. Aber vielleicht ist es auch einfach deine Art so zu sein ohne dass dich jemand als dummes Blondchen einzuordnen.
Es gab doch mal ein Sprichwort, dass es besser ist die Klappe zu halten und dumm zu wirken als den Mund aufzumachen und jeden Zweifel auszuräumen
Marion
22. Juni 2009 um 10:00 Uhr
Der Kommentar von Hazamel hat aber jetzt was Gemeines und absolut Nicht-Zutreffendes: Du bist kein blondes Blödchen. Und was die Leute in Rhetorikseminaren lernen hat nichts mit Bildung zu tun sondern nur damit wie man andere totquatschen, in die eigene Richtung lenken oder mit viel Worten gar nichts sagen kann. Davon halte ich absolut nichts, weil die Motivation egoistisch ist . Die Teilnahme an einem solchen Seminar lässt sich m. E. nur damit rechtfertigen, zu erkennen, wann man mit rhetorischen Mitteln in die Falle gelockt werden soll.
Sicherlich kann man sich viel Wissen durch viel Lesen von guten Zeitungen und Zeitschriften sowie durch Sehen von guten Fernsehreportagen aneignen. Leider klappt es bei mir nur bedingt, weil ich Vieles doch wieder vergesse oder nur rudimentär behalte, aber es soll ja andere Gehirne geben.
Ich meine, man muss nicht zu allen Themen was Fundiertes sagen können. Das kann keiner! Es gibt eben Spezialgebiete, zu denen man gut diskutieren kann, weil man sich viele Infos angeeignet hat und weil man eine persönlich Affinität dazu hat. Andere Themen liegen eben anderen und man muss sich damit zufrieden geben, nicht mehr als Oberflächliches zu wissen. Mir sind Leute eher unheimlich, die meinen von allem Ahnung zu haben. Sie wirken auch schnell überheblich und arrogant.
Bleib lieber so wie Du bist! Und wer es ernst mit Dir meint, führt auch ein 2. oder 3. Gespräch, bei dem Du dann anbringen kannst, was Dir später noch eingefallen ist!
HR
22. Juni 2009 um 17:40 Uhr
Ich mache an dieser Stelle mal thematisch einigermaßen passend Werbung für: http://joulupukki.wordpress.com/2009/06/20/das-traurige-ende-des-italo-machos/
Grüße, HR.
Joulupukki
22. Juni 2009 um 18:09 Uhr
Heyo,
danke für den Link, HR! Freut mich.
Miriam, ich kenne einige Menschen, die mir gerade deshalb als intelligent auffallen, weil sie erst überlegen, was sie sagen möchten. Bei anderen würde ich mir das oft wünschen. Man muss sich doch ohnehin viel zu viel Blödsinn anhören – Schnelle Klappe und morgen nicht mehr wissen wollen, was man gestern gesagt hat gehört eher zum Standard. Dem Nachzueifern ist doch eher … hm … entbehrlich, nicht?
Also, mach Dir keine allzugroßen Sorgen. Sicherheit kommt mit der Zeit. Das war zumindest bei mir so, die ich mit 24 auch noch eher stumm die Umwelt in mich eingesogen habe. Das kommt … hab Vertrauen.
Jou
Marei
22. Juni 2009 um 23:07 Uhr
Meiner Meinung nach hast Du in den letzten Jahren eine verdamt positive Entwicklung durchgemacht, auf die Du sehr stolz sein kannst! Das als allererstes.
Und dann:
ein Rhetorikkurs wird Dir da auch nicht weiterhelfen können. Meines Erachtens kann mensch seinen Wissenshorizont dadurch erweitern, dass mensch mit anderen kommuniziert. Gerade durch Gespräche, Diskurse und dergleichen kann mensch viel lernen. Es ist besser hin und wieder erst einmal zu zuhören und dann später seine Gedanken laut zu verkünden.
Aber wenn es Dir hilft, mir geht es manchmal ähnlich wie Dir. Doch ich sage mir dann, schön dass Du das jetzt wusstest. Denn somit habe ich etwas von Dir gelernt. Es werden auch Momente geben, in denen Menschen etwas von mir lernen können. Es ist doch gerade das tolle, dass wir Menschen einen unterschiedlichen Wissensstand haben und somit in ein Gespräch kommen können.
Gute Gespräche sind super wichtig, wohltuend und manchmal einfach nur schön!
Liebe Umarmung
Marei
Mrs. Felsenheimer
23. Juni 2009 um 12:33 Uhr
hmm… dieses gefühl kommt mir recht bekannt vor. ich glaube schlagfertigkeit und selbstbewusstsein sind die stichworte: beides dinge, die man sich nur mühevoll (wenn überhaupt) aneignen kann. und manchmal erwartet man auch zuviel von sich selbst…