Die neue Vanity Fair
Im Spiegel las ich letzte Woche von der Einführung einer neuen Zeitschrift, der deutschen Vanity Fair. Nicht dass ich jemals etwas von der amerikanischen Version gehört hätte (Bildungslücke?), aber das Konzept machte mich neugierig - “eine Mischung aus glamourösen Geschichten, harten News und Facts und Figures” (wie der Spiegel den Chefredakteur Ulf Poschardt zitiert). Die Entdeckung, dass die erste Ausgabe nur einen einzigen Euro kostet, tat sein übriges.
Das Titelbild (das echte, welches sich unter dem ersten Titelbild, dass das neue Magazin anpreist, verbirgt) ist erschreckender Weise unsagbar hässlich und wirkt wie von einer billigen Klatsch-Zeitschrift übernommen. (Da hilft auch die Tatsache nicht, dass es sich um den halbnackten Til Schweiger handelt, dessen Kopf ich sowieso nicht besonders hübsch finde.) Hätten sie das schwarze Deckblatt nicht noch drüber gelegt, ich glaube ich hätte die Zeitschrift gar nicht erst gekauft.
Nach eingehender Lektüre bin ich schließlich zu dem eindeutigen Schluss gekommen, dass der eine Euro in die falsche Richtung ausgetauscht wurde - diese geballte Werbefläche zu lesen müsste ich eigentlich bezahlt werden. Es ist zum Kopfschütteln lächerlich: Bevor man überhaupt zum Editorial gelangt, muss man zwei ausklappbare Titelbild-Werbeseiten plus fünfeinhalb (!) doppelseitige Anzeigen von Gucci bis Prada über sich ergehen lassen. Zwischen Editorial und Inhaltsverzeichnis befinden sich nochmal zwei Doppelseiten Werbung. Insgesamt befinden sich in diesem ganzen Hochglanzmagazin 95 ein-, zwei- bis dreiseitige Werbeanzeigen! Von 328 Seiten macht das 126 Seiten Werbung, und da habe ich nur die Magazinseiten als solche gezählt, nicht Deck- und Rückblatt. Auch magazin-imminente Werbung, wie die Modeseiten oder andere Produktinformationen zählen da noch nicht dazu. Reiner Wahnsinn!
Vom Inhaltlichen her gibt es durchaus einige gute Ansätze, die Artikel das politische Weltgeschehen betreffend kommen ziemlich interessant und innovativ daher. Die Idee Michel Friedman als jüdischen, nicht gerade “typisch deutsch” aussehenden Menschen NPD Mitglieder interviewen zu lassen fand ich sogar ziemlich toll und führt zu interessanten Ergebnissen. Auch auf die hippe Web 2.0-Welle springen sie mit einem Interview von Niklas Zennström auf, auch wenn in einem anderen Artikel kritisch beäugt wird, dass Politiker momentan alle auf die Wählerstimmen-anziehende Öko-Welle aufspringen.
Insgesamt gibt es in der Vanity Fair ganze acht Artikel die mich wirklich interessiert haben - mehr als in manchem anderen Hochglanzmagazin, aber nicht genug um dafür mehr als einen Euro auszugeben. Zum Vergleich, für Emma oder Cicero bin ich bereit ganze sieben Euro zu blechen. Wirklich gelohnt hat sich der Kauf aber dafür, dass ich jetzt um die Information reicher bin dass jeder Londoner maximal 14 Meter von der nächsten Ratte entfernt ist. :)