Ein offener Brief

Ich weiß doch wie es war. Abgesehen von meinem eigenen Schmerz, den ich erst Jahre später in seinem kompletten Ausmaß zu fühlen bereit war, erinnere ich mich doch auch an ihren Schmerz. Ich weiß doch noch, wie sie mich eines nachmittags unter Tränen rief – ich kann nicht älter als 11 oder 12 gewesen sein – und mit mir im Arm weinte weil sie die Schmerzen nicht mehr fühlen wollte. Ich weiß doch noch wie sie uns damals – als ich schätzungsweise 8 oder 9 war – im Kinderzimmer sagte, dass wir nicht traurig sein dürften wenn sie sterben würde, für einen Monat vielleicht, aber nicht länger. Ich weiß noch, wie ich eines nachmittags bei meinen Großeltern, ich saß lesend auf dem Sofa, mithörte, wie sie irgendwelchen Verwandten erzählte, sie würde durchhalten “für den Kleinen” und wie sehr mich das auf kindliche Art verletzte. Ich weiß noch wie ich später, im letzten Jahr, ich war 12, auf meinem Kinderzimmerboden ihr Foto aufstellte und Kerzen anzündete, als die letzte große Operation anstand – fünf oder sechs Stunden lang – und wie wenig ich damals begriff um was es eigentlich ging. Ich weiß doch noch, wie ich meine Osterferien damit verbrachte ihr jeden Tag ein paar Stunden im Krankenhaus Gesellschaft zu leisten und wie dämlich enttäuscht ich war, dass sie Titanic nicht mit mir anschauen wollte, weil sie keine traurigen Filme mehr sehen wollte. Ich weiß doch noch, wie sie im Rollstuhl sitzend bei jedem kleinsten Huckel auf der Straße vor Schmerzen aufjaulte, weil es einfach nicht mehr ging. Ich weiß doch noch, wie quälend die letzten zwei Wochen waren, in denen selbst das “Päppchen” nicht mehr verdaut werden wollte.

Und da willst du mir erzählen, du glaubst nicht, dass es schlimm ist an Krebs zu sterben?

Meine Fixierung auf das beschissene Rauchen mag pathetisch sein, aber genauso pathetisch ist es, sich eine Sucht zu kreieren nur um sie befriedigen zu können, und dabei die möglichen Folgen (die nicht nur Krebs umfassen, genauso wenig wie umgekehrt, der Tatsache bin ich mir durchaus bewusst) einfach mal gekonnt zu ignorieren.

So müsste das immer sein …

Morgens, nach dem Aufstehen.

Er: Oh, du siehst süß aus!

Sie: Meine Augen sind total angeschwollen…

Er: Ja, das sieht doch süß aus!

Ungesagtes

Oft sind es ja die Sachen, die man nicht tut oder sagt, die man bereut.

Ich traf ihn das erste Mal drei Jahre nach unserem gemeinsamen Abitur auf einem anderen Abiball wieder. Obwohl er in der sechsten Klasse einen kindlichen Annäherungsversuch unternommen hatte, den ich kindlich grausam zurückwies, und  ich mir Anfang der Oberstufe zwischenzeitlich eingebildet hatte, ein wenig verliebt in ihn zu sein, redete ich an diesem Abend das erste Mal direkt mit ihm. In der Schule war er immer ein wenig pummelig gewesen, nicht sehr, nur ein ganz klein wenig.. stämmig würde man wohl sagen. Auf diesem Abiball allerdings erschien er furchtbar abgemagert. Mir schien es im ersten Schreck, als hätte er seinen Kopf einfach auf einen Besenstiel gepflanzt (man muss dazu sagen, dass ich ihn von der ersten bis zur dreizehnten Klasse nicht anders kannte). Ich, in schüchterner, betrunkener Fröhlichkeit rief ihm zu “Gut siehst du aus!” – kriegte es noch so grade hin, angeblich seinen Anzug zu meinen, was auf einem Abiball selbstredend ein recht redundantes Kompliment ist, er schien sich darüber allerdings zu freuen.

Wie hätte ich auch sagen sollen, was ich eigentlich sagen wollte.

Stummer Schrei

Ich hab mich in eine verdammte Ecke manövriert und komm da nicht raus, kann auch nicht raus, muss da noch weiter durch bilde ich mir ein. Bin selbst Schuld und vielleicht mache ich es auch nur gerade darum, um eine Entschuldigung zu haben, um ängstlich sein zu können unter dem Deckmantel der Vernunft. In regelmäßigen Abständen möchte ich einfach nur schreien und um mich schlagen. Es macht mich wahnsinnig! Und in anderen Momenten denke ich, ach ist doch keine aussichtslose Ecke, ist einfach der Fluss der Dinge, du machst genau das richtige. Nein, mach ich nicht, aber es geht nicht anders. Schon wieder die Einbildung. Ich werd noch wahnsinnig hier. Ich will schreien können!!

Das unsichere Mädchen

Manchmal wünschte ich, ich wäre diskussionsaffiner erzogen worden. Ich würde behaupten, von einem Mädchen das sich nichtmal traut die Grüße der Mutter an die Mutter einer Freundin auszurichten, zu einer Studentin die freiwillig allein drei Monate auf einem fremden Kontinent lebt, habe ich eine ganz schöne Entwicklung durchgemacht, und doch: Es ist so furchtbar schwer für mich, in Gesprächen die mehr als zwei Leute und dann auch noch ein schwieriges Thema involvieren, den Mund aufzumachen. Es ist zum verrückt werden!

Irgendwann sitze ich mitten in diesem Gespräch – oder besser am Rande dieses Gesprächs – über irgendein wichtiges politisches Thema, die Bildung in unserem Land zum Beispiel, und kriege einfach keine verdammten drei zusammenhängenden Sätze über die Lippen. Ich bin 24, ich studiere Politik – und traue mir trotzdem nicht zu zu irgendeinem anderen Thema als meine beiden Spezialgebiete EU und Feminismus eine fundierte Meinung oder wenigstens irgendein nettes Bonmot mit in die Runde zu werfen. Erst recht nicht, wenn ich die Gesprächspartner als mir in Alter oder Bildung überlegen einschätze. Die Frage ist nicht alleine die der Überwindung: Mir fällt einfach nichts ein in solchen Momenten! Hinterher in meinem Kopf habe ich hunderte schöner Ideen was ich hätte beisteuern können – aber währenddessen: Blockade. Mein Gehirn macht einfach nicht was ich will. Und dann wirke ich wie das blonde Dummchen das nickt und keinen Plan von nichts hat. Aber das bin ich doch nicht!

Auf der anderen Seite: Das (relativ) einzige Mal, dass ich in einer Situation, die mehr als zwei Personen umfasste, in der aktiv gesprächsführenden Rolle war und meine damalige Freundin in der stumm nickenden, hat sie den tollen Typ gekriegt und nicht ich. Da ging es allerdings auch nicht um Politik. Und außerdem: Der Typ war im Nachhinein doch etwas gestört und: Unsicherheit ist dermaßen unfeministisch und unsexy! Gibt es nicht irgendwo Kurse, in denen man lernen kann, sich spontan eine eigene Meinung zu bilden und die dann auch fundiert zu vertreten? Wo haben denn die ganzen Quatschköpfe und Gesprächsführer das gelernt? Die können doch unmöglich alle schlauer sein als ich. Ich will auch!